Arnd Focke

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Arnd Focke (29) hatte Herbst 1997 einen schweren Unfall und musste noch am Unfallort künstlich beatmet werden. In der Klinik wurde schweres Schädel-Hirn-Trauma festgestellt. Noch in der gleichen Nacht wurde er operiert.

Renate und Gebhard Focke, die Eltern von Arnd, erfuhren erst am nächsten Morgen von dem Unfall. Nach 6 Stunden Autofahrt waren sie bei ihm in der Klinik. Arnd lag auf der Intensivstation, künstlich beatmet, mit einem Kopfverband von der Operation. In ein künstliches Koma versetzt lag er wie schlafend da. An der rechten Schulter hatte er eine Prellung, über der linken Augenbraune eine Schnittwunde.

Am Nachmittag wurde der Ehefrau von Arnd, sowie Renate und Gebhard Focke von einer Ärztin mitgeteilt, dass seine Überlebenschancen sehr gering seien und die Diagnose Hirntod wahrscheinlich sei. Gebhard Focke sagte spontan, dass damit wohl die Frage um Organspende gestellt werden würde.

Einen oder zwei Tage später sprach die Stationsleiterin Renate und Gebhard Focke an und beglückwünschte sie zu der Entscheidung für eine Organspende. Diese waren darüber sehr verwundert, denn darüber hatten sie noch nicht gesprochen. - Ihre Schwiegertochter sagte später, dass sich Arnd für Organspende ausgesprochen habe, dies aber nie verschriftlicht hat.[Anm. 1] Dies sagte die Ehefrau von Arnd offensichtlich zu den Ärzten. So kam es zu der Zustimmung zur Organentnahme.

Die Schwester von Arnd Focke kam nach dieser Entscheidung in die Klinik und protestierte heftig dagegen: "Er ist doch keine Organbank!"[Anm. 2]

Am nächsten Tag war die Organentnahme noch immer nicht erfolgt. Es zog sich hin. Da sagten Renate und Gebhard Focke, dass sie ihre Zustimmung zur Organentnahme zurückziehen würden, wenn diese nicht noch am gleichen Tag erfolgen sollte. - Hierauf erfolgte die Organentnahme noch am gleichen Tag.[Anm. 3]

Informieren konnten sich die Hinterbliebenen in dieser Situation nicht. Im Krankenhaus bekamen sie keine Hinweise über den Ablauf der Organentnahme. Sie haben auch nicht gefragt. "Wenn wir alle, auch unser Sohn, uns aber vorher informiert hätten mit Hilfe des von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung empfohlenen Informationsmaterials, wären wir wahrscheinlich zu keiner anderen Entscheidung gekommen. Denn was Organentnahme für den hirntoten Organspender und seine Angehörigen wirklich bedeutet, geht aus den Informationen und dem Organspendeausweis nicht hervor."[Anm. 4]

Einige Zeit nach dem Tod von Arnd Focke hatte seine Mutter Renate Albträume.[Anm. 5] Sie träumte, dass seine Leiche in einem Aquarium trieb, dass sein Leichnam aus dem Grab verschwunden sei. Zur Trauer um Arnd kamen noch Schuldgefühle, dass sie ihren Sohn "nicht davor beschützt hatte".[Anm. 6]

Renate Focke sah ihren Sohn "aufgebahrt im Sarg, sein Mund klein und verkrampft. Er hatte keinen friedvollen, gelösten oder ernsten Gesichtsausdruck wie andere Tote, die ich gesehen habe, sondern sah aus, als wäre er unter Schmerzen gestorben."[Anm. 7]

Anhang

Quellen

Anmerkungen

  1. Dieses Beispiel zeigt deutlich auf, wie wichtig es ist, zuerst im Kreis mit der Verwandtschaft über das Thema zu sprechen, wenn vom Hirntoten keine schriftliche Erklärung vorliegt. Es sollte nicht vorkommen, dass ein Teil der Familie von einer Entscheidung weiß und der andere Teil es von den Ärzten erfährt.
  2. Weil es innerhalb der Familie sehr unterschiedliche Positionen zum Thema Organspende geben kann, ist es sehr hilfreich, dass man miteinander darüber spricht. Jeder sollte von der Haltung des Anderen wissen und diese Haltung respektieren. Dies erspart später die entsetzte Auseinandersetzung in der Klinik.
  3. Das war im Herbst 1997. Damals war die DSO noch nicht gesetzlich verpflichtet in jede Organtransplantation eingebunden, denn das TPG trat erst im November 1997 in Kraft. Seither erfolgen die Organentnahmen sehr zeitnah nach der Feststellung des Hirntods: Bei 2,7% der Organentnahmen betrug die Zeit zwischen Feststellung des Hirntods und dem Beginn der Organentnahme weniger als 7 Stunden; bei 24,8% betrug sie 7 bis 12 Stunden; bei 42,6% betrug sie 12 bis 18 Stunden; bei 15,4% betrug sie 18 bis 24 Stunden; bei 14,5% betrug sie mehr als 24 Stunden. Quelle: DSO: Jahresbericht 2012, Seite 19.
  4. Die Bedürfnisse der Menschen sind sehr unterschiedlich. Es ist kaum möglich, mit einer Broschüre die Bedürfnisse aller Hinterbliebenen zu erfüllen. Während die Einen nur einen allgemeinen Überblick haben wollen, interessiert die Anderen peinlich genau, wie die Organentnahme erfolgt, dass z.B. der Oberkörper vom Halsansatz bis zum Schambein aufgeschnitten wird. - Um den verschiedenen Bedürfnissen annähernd zu entsprechen, wurde dieses Organspende-Wiki erstellt.
  5. Es ist nicht gesagt, dass diese Albträume von der Zustimmung zur Organspende gekommen sind. Andere Eltern haben nach dem plötzlichen Tod ihres Kindes auch Albträume, obwohl dort Organspende gar kein Thema war, weil kein Hirntod vorlag. Der plötzliche Tod eines Kindes ist ein so gewaltiger Eingriff in das Leben, der zu Albträumen führen kann.
  6. Arnd Focke war bei seinem Unfall 29 Jahre alt. Er war damit volljährig. Seine Eltern hatten bezüglich seines Lebens wie auch der Frage um Organspende somit gar kein Mitspracherecht (Selbstbestimmungsrecht). Damit kommt den Eltern auch keinerlei Schuld zu, weder am Unfall noch an der Organentnahme.
    Wenn auch Arnd Focke seine Bereitschaft zur Organspende nie schriftlich festgehalten hat, so war seine Ehefrau über diesen seinen Wunsch informiert. Dieser sein Wunsch wurde der Klinik mitgeteilt und umgesetzt. - Dies zeigt deutlich, dass es nicht nur getan ist, seine Entscheidung mündlich mitzuteilen, man sollte sie auch schriftlich festhalten, damit alle Hinterbliebene es nachlesen können. Dies entlastet die Hinterbliebenen enorm.
  7. Dies ist eine Interpretation. In D/A/CH können Hirntote keine Schmerzen haben. Das unterstreichen auch offizielle Schreiben der Schweiz, in dem Land, in dem zur Organentnahme eine Vollnarkose vorgeschrieben ist. Diese Vollnarkose wird gegeben, um die spinalen Reflexe (vom Rückenmark ausgehend) zu unterbinden. So heißt es in diesen offiziellen Papieren.
    Bei der HTD wird auch der Trigeminus-Nerv gereizt. Damit löst man einen Schmerzreiz aus, der größer ist als das Öffnen das Körpers bei der Organentnahme. Dabei darf der Hirntote keine Regung zeigen. Andernfalls ist der Hirntod widerlegt.
    In D/A/CH müssen beim Hirntod Großhirn, Kleinhirn und Hirnstamm abgestorben sein. Die Medizin kennt genau das Areal im Großhirn, in dem Schmerzreize verarbeitet und der Schmerz wahrgenommen wird. Patienten, bei denen dieses Areal im Großhirn geschädigt ist, besitzen ein vermindertes oder kein Schmerzempfinden.
    Wenn nun beim Hirntod in D/A/CH Großhirn, Kleinhirn und Hirnstamm abgestorben ist, kann kein Hirntoter irgendwelche Schmerzen haben. Arnd Focke kann somit als Hirntoter die Organentnahme keinesfalls "unter Schmerzen" erlitten haben. Siehe: Schmerzempfinden

Einzelnachweise