Andrea M. Esser, Daniel Kersting

Aus Organspende-Wiki
Wechseln zu: Navigation, Suche


Der Tod ist das Ende dieses Lebens (2017)

Andrea M. Esser und Daniel Kersting verfassten in "Transmortalität" den Beitrag "Der Tod ist das Ende dieses Lebens".[1] Darin heißt es:

Ihre Analyse ließ bei uns jedoch den Eindruck entstehen, dass sie dabei ausgerechnet an solche Transmortalitätsvorstellungen anschließen, die durchaus kritikwürdige Aussichten eröffnen und überzogene Hoffnungen schüren. Dies tun sie, so unsere These, indem sie die Organspende als ein Mittel inszenieren, mit dem sich der Wunsch nach Transmortaltität tatsächlich erfüllen lässt; zumindest aber schließen sie die Möglichkeit einer solchen Erfüllung nicht explizit aus. (198)

Es geht aus diesen Worten nicht hervor, ob damit der Organspender oder der Organempfänger gemeint ist.
Organspender: Er ist und bleibt tot. Nur Organe von ihm leben in anderen Menschen weiter.
Organempfänger: Er wurde durch die TX vor dem drohenden Tode bewahrt. Er war noch nicht tot.

Visualisiert wird dieses Grundmotiv oft in Variationen traditioneller Ikonographien aus dem Themenfeld der Gabe, wie zum Beispiel im Falle eines als Geschenk dargebotenen Herzens ... (199)

Oben wird die BZgA genannt. Das 1. Bild ist noch aus dem Umfeld der BZgA, aber die nächsten drei Bilder sind von amerikanischen Seiten entnommen. Wenn man nicht auf die Links der Bilder achtet, gewinnt man vom Text her den Eindruck, dass auch diese drei weiteren Bilder zum Umfeld der BZgA gehören.

Ein Thema, über das eine Aufklärung im oben skizzierten Sinne nahezu vollständig ausbleibt, ist der Tod. (203)

Als Gemeinschaftsarbeit der BZgA und der DSO erschien 2011 in der 6. Auflage die 36-seitige Broschüre "Kein Weg zurück. Informationen zum Hirntod". Diese erschien 2012 in der 7. Auflage.

Die Aussparung dieses Themas verwundert auch insofern, als innerhalb der Bevölkerung ebenso wie in Teilen der Wissenschaft immer wieder massive Zweifel daran geäußert werden, dass Menschen zum Zeitpunkt der Explantation wirklich tot sind. (203)
Das verunsichert nicht nur Angehörige, sondern teilweise auch das medizinische Personal, Pflegekräfte oder Transplantationschirurgen. (204)

Die "Teile der Wissenschaft" sind einzelne Personen gegen gemeinsame Erklärungen. Siehe auch: Todesverständnis

Und es sind möglicherweise gerade diese Verunsicherungen über den Status Hirntoter, die weite Teile der Bevölkerung trotz einer nachweislich positiven Einstellung zur Organspende vor einer konkreten Entscheidung zur Organspende zurückschrecken lassen (vgl. Kahl/Weger 2014; Esser 2012). (204)
Oder aber vom Tod ist überhaupt nicht die Rede, weil er an seine Stelle, wie in eingangs zitierten Slogan, nun die Rede vom Leben, der Entscheidung fürs Leben oder der Weitergabe des Lebens getreten ist. (205)

Das ist eine Spekulation. Fakten hingegen liefern die von Antje Kahl und Tina Weber durchgeführte Umfrage, dass rund die Hälfte der Bevölkerung sich nicht mit dem Thema Organspende beschäftigen wollen.[2]

Es sind mithin gerade Motive der Transmortalität, die den Tod aus den Darstellungen gleichsam verdrängen und an seine Stelle das freilich viel positiver konnotierte Bild einer Kontinuität des Lebens setzen. (205)

Auch das Bild 5, das auf Seite 205 abgebildet ist, stammt von einer US-amerikanischen Seite.

Wie soll eine Person ihr Leben durch die postmortale Organspende weitergeben können, wenn sie doch per definitionem zum Zeitpunkt der Organentnahme tot ist? (206)

Der tote Spender gibt ein lebendes Organ weiter, das für den Empfänger ein Weiterleben als Individuum ermöglicht.

Der in diesem Sinne ambigue Gebrauch der Rede vom Leben hat oft auch eine seltsame alltagssprachliche Verdoppelung des Todesbegriffes zur Folge, nach der man einmal eine Person als 'hirntot' und das andere Mal als 'wirklich tot' bezeichnet - eine Unterscheidung, die gewiss nicht zur Beruhigung des Zweiflers am Hirntodkritierium beiträgt, auf die man mitunter aber sogar - wie Lindemann (2001) beobachtet - im Sprachgebrauch derer treffen kann, die professionell in der Transplantationsmedizin arbeiten. (207)

Seit 2000 dürfte kaum eine Schrift der BZgA, der DSO oder eine medizinische Schrift erschienen sein, die sich so ausdrückt.

So ließe sich z.B. für die Position argumentieren, dass die phänomenale Lebendigkeit Hirntoter sehr wohl als Zeichen nicht nur biologischer Lebendigkeit, sondern auch des Lebens der Person aufzufassen sei. In diesem Fall wäre es durchaus möglich, sinnvoll davon zu sprechen, dass Hirntote auch im Sinne des personalen Lebens leben. Vgl. hierzu näher: Kersting (2015, Kap. 4.1.). (209)

Siehe: Phänomen-Ebene

Transmortalitätsvorstellungen haben nicht allein die Idee einer Kontinuität der Person über ihren Tod hinaus zu ihrem Gegenstand; oft wird in ihnen die personale Existenz auch in einer 'Welt' zwischen Leben und Tod 'verortet'. Denn wer die Vorstellung ausbildet, dass die verstorbene Person dank einer Transplantation ihrer Organe noch nicht 'wirklich' tot ist, aber auch nicht mehr im vollen Sinne des Begriffes 'lebt', muss davon ausgehen, dass es Phasen der Existenz von Personen gibt, die jenseits oder zwischen ihren Leben und ihrem Tod liegen. (211)

Solche Aussagen sind dem Verfasser nur von Kritikern und einigen Hinterbliebenen von Organspender bekannt. Für Letztere ist diese Sichtweise einen Bewältigungsstrategie, um mit ihrer Trauer und ihrem Schmerz gut umzugehen. Dies sollte ihnen nicht genommen werden.

Der Gedanke, es gäbe 'Grauzonen' zwischen Leben und Tod, immpliziert, dass die Begriffe Leben und Tod in einem konträren Gegensatzverhältnis zueinander stehen (wie schwarz und weiß). (211)

Diese Aufassung haben einige Kritiker des Hirntodkonzeptes.

Für die Handelnden dürfte es im Hinblick auf eine Entscheidung zur Organspende durchaus relevant sein, ob sie befürchten müssen, sich zum Zeitpunkt der Organtransplantation in einer 'Grauzone' zwischen Leben und Tod zu befinden, ober ob sie davon ausgehen dürfen, zu diesem Zeitpunkt - wie das Gesetz es vorsieht - tot zu sein. (212)

Daher sollten diese Kritiker des Hirntodkonzeptes von dieser Haltung lassen.

Warum sollten die Angehörigen überhaupt in feierlichen Ritualen, wie der Urnenbeisetzung oder der Bestattung, Abschied von der verstorbenen Person nehmen, wenn sie tatsächlich der Überzeugung wären, die Person sei gar nicht wirklich gestorben, sondern lebt im Körper anderer Menschen weiter? Gerade in diesen Handlungen des Abschiednehmens, im Vollzug von Trauerritualen und dergleichen artikuliert sich unmissverständlich die Überzeugung, dass die Person mit ihrem Tod unwiederbringlich und vollständig abwesend ist und bleibt. (221)

Man sollte den Hinterbliebenen von Organspendern diese Sichtweise lassen, weil es für sie eine Hilfe ist, mit ihrer Trauer und ihrem Schmerz umzugehen.[Anm. 1]




Anhang

Anmerkungen

  1. So belasse ich den Trauernden auch ihre Vorstellung, dass es im Himmel ein Buch gäbe, in dem der Todeszeitpunkt jedes Menschen festgeschrieben sei. - Nüchtern betrachtet kann es dieses Buch nicht geben. Andernfalls dürften wir keinen Mörder bestrafen, weil er ja nur das ausgeführt hat, was in dem Buch steht. Wir bräuchten dann auch keine Notärzte und Rettungssanitäter, keine Intensivstationen und keine Krankenhäuser, denn es ist schon festgelegt, wann ein jeder von uns stirbt.

Einzelnachweise

  1. Andrea M. Esser, Daniel Kersting: Der Tod ist das Ende dieses Lebens. In: Antje Kahl et al. (Hg.): Transmortalität. Organspende, Tod und tote Körper in der heutigen Gesellschaft. Weinheim 2017, 196-231.
  2. Antje Kahl, Tina Weber: Einstellungen zur Organspende, das Wissen über den Hirntod und die Transmortalitätsvorstellungen in der deutschen Bevölkerung. In: Antje Kahl et al. (Hg.): Transmortalität, 162.