Faktencheck zur WSR
Zu den Aussagen für und gegen die WSR gibt es kaum einen Faktencheck. Einen hat die DIATRA-Redaktion am 06.09.2026 erstellt. Einen erweiterten gibt es nun hier:[Anm. 1]
Aussage: Über 8.000 Menschen warten auf ein Spenderorgan.[1]
- Urteil: Es stimmt bedingt. Es sind nur die Menschen, die bei Eurotransplant registriert sind.[2]
- Faktencheck: Zur NTX: "Zum Stichtag 31.12.2025 standen 9.783 Personen auf der Warteliste. 6.237 galten als transplantabel, 3.546 als nicht transplantabel."[3] In Deutschland erhalten rund 100.000 Menschen eine Dialyse-Therapie. Etwa 30.000 gelten als grundsätzlich transplantierbar.[4]
Aussage: Die Widerspruchslösung greife stark in die persönliche Selbstbestimmung ein.[5]
- Urteil: Dies stimmt.
- Faktencheck: Wer kein Organspender sein will, muss bei eingeführter WSR widersprechen. Es gibt jedoch zahlreiche ähnliche Beispiele, siehe nächster Punkt.
Aussage: Schweigen sei keine Zustimmung.[6]
- Urteil: Dies stimmt in vielen Bereichen nicht, auch in medizinischen Bereichen.
- Faktencheck: Es gibt zahlreiche Beispiele, in denen Schweigen Zustimmung entspricht:
- Aus der Medizin
- Wer keine Patientenverfügung hat, erhält bei Bedarf einen gerichtlichen Betreuer.
- Bewusstlose Verunglückte werden ungefragt reanimiert.
- Bei einem misslungenem Suizidversuch handelt jeder Arzt wissentlich gegen den Willen des Patienten.
- Aus dem Rechtswesen
- Wer kein Testament verfasst, der stimmt im Grunde der gesetzlichen Erbfolge zu.
- Eine Mitteilung des Amtsgerichts über eine Erbschaft an den/die Erben gilt als angenommen, wenn nicht innerhalb von 6 Wochen widersprochen wird.
- Eltern, die für ihre unmündige Kinder keine Vorsorgevollmacht erstellt haben, stimmen zu, dass beim Ausfall als Erziehungsberechtigte (z.B. durch Koma oder Tod) sich das Jugendamt um die unmündigen Kindern kümmert.
- Meta darf die öffentlichen Daten seiner Nutzer für das Trainieren der KI nutzen darf, wenn diese nicht widersprochen haben.[7]
- Aus der Medizin
Aussage: Die WSR verstoße gegen das Selbstbestimmungsrecht.[8]
- Urteil: Die WSR entspricht dem Selbstbestimmungsrecht.
- Faktencheck: Im Jahr 2025 lag nach der Feststellung des Hirntodes bei 383 Hirntoten (13,2%) ein schriftlicher Wille und bei 524 Hirntoten (19,6%). Zusammen sind dies 32,8% selbstbestimmte Entscheidung. Das bedeutet, dass in 67,2% der Fälle die Hinterbliebenen entschieden haben. Bei eingeführter WSR läge die Selbstbestimmung bei nahezu 100%.
Aussage: Die WSR sei verfassungswidrig.[9]
- Urteil: Dies ist eine bisher unentschiedene Behauptung.
- Faktencheck: Ende der 1990er Jahre behaupteten Beschwerdeführer, die im TPG beschlossene Zustimmungsregelung sei verfassungswidrig, weil man ohne eigene Einwilligung Organspender werden könne. Das BVerfG lehnte am 18.02.1999 die Beschwerde ab und stellte keine Grundrechtsverletzung fest:
- Die Beschwerdeführer seien nicht unmittelbar betroffen, weil sie jederzeit der Organentnahme widersprechen können (§ 2 Abs. 2 TPG).
- Damit fehle die Voraussetzung für eine zulässige Verfassungsbeschwerde.[10]
Da bei der WSR die Menschen auch jederzeit widersprechen können, dürfte das BerfG auch bei der WSR keine Grundrechtsverletzung erkennen.
Aussage: Die WSR sei ethisch/moralisch bedenklich.[11]
- Urteil: Diese Aussage ist eine Doppelmoral.
- Faktencheck: Deutschland erhielt im Jahr 2025 von anderen Nationen 320 Organe vermittelt.[12] In den vorausgehenden Jahren waren es mehr, siehe Ungleichgewicht. Alle diese Organe entstammen aus Nationen mit WSR. Wenn die WSR unethisch oder unmoralisch wäre, müsste Deutschland diese Organe ablehnen. Da wir aber seit Jahrzehnten diese Organe annehmen, entspricht o.g. Aussage einer Doppelmoral.
Aussage: Es gibt keine ethische Verpflichtung zur Organspende.[13]
- Urteil: Das ist korrekt.
- Faktencheck: Die WSR ist keine ethische Verpflichtung zur Organspende, sondern nur eine Regelung, wie zu verfahren ist, wenn man sich nicht zur Frage der Organspende geäußert hat.[Anm. 2] Solche Formulierungen stammen von den Gegnern der WSR.[14]
Aussage: Wir müssten das vorlorengegangene Vertrauen in die Organspende wieder zurückgewinnen.[15]
- Urteil: Ja, das Vertrauen sank im Jahr 2013.
- Faktencheck: Nach der Feststellung des Hirntodes erfolgte in den Jahren 2006 bis 2012 eine Zustimmung zur Organspende von 64,2 bis 69,1%. Im Jahr 2013 sank sie auf 63,9%. Seit dem Jahr 2014 beträgt die Zustimmung 67,4 und 76,5%. Das sind 5 bis 10 Prozentpunkte mehr. Siehe: Entscheidungen - Vertrauensverlust sieht anders aus.[Anm. 3]
Aussage: Es musste mehr Aufklärung erfolgen.[16]
- Urteil: Es gibt keinen Informationszwang.
- Faktencheck: Seit Herbst 2012 informieren die Krankenkassen und die BZgA - heute BIÖG - die Menschen über Hirntod und Organspende mit gesetzlichem Auftrag. Auch die Medien informieren hierzu. Wer sich informieren will, braucht nur zugreifen. Verschiedene Gruppen und Verbände, insbesondere die Selbsthilfegruppen informieren parallel dazu. Dieses im Januar 2014 gestartete Organspende-Wiki informiert ebenso. - Es gibt keinen Informationszwang. Es gibt aber ein Recht auf Unwissenheit.
Aussage:
- Urteil:
- Faktencheck:
Aussage: Mit der WSR würde jeder automatisch zum Organspender.[17]
- Urteil: Nur wer nicht widerspricht wird Organspender.
- Faktencheck: Es steht bei der WSR allen Erwachsenen frei, ohne Angabe von Gründen der Organspende zu widersprechen. Es gibt daneben auch die Möglichkeit, auf dem OSA einen vertrauten Menschen zu benennen, der im Falle des Hirntodes die Entscheidung fällt.
Anhang
Anmerkungen
- ↑ Die Links dieser Seite wurden am 18.09.2026 aufgerufen.
- ↑ Es gibt Menschen, die der Überzeugung sind, sie werden keine Organspender, wenn sie nicht aktiv der Organspende zustimmen. Sie übersehen dabei, dass in diesem Fall die Hinterbliebene die Entscheidung fällen.
- ↑ An dieser Aussage ist die mangelnde Sachkenntnis dieser Menschen erkennbar.
Einzelnachweise
- ↑ https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/organspende-zahl-reicht-nicht-100.html
- ↑ https://www.eurotransplant.org/regions/deutschland
- ↑ https://dso.de/SiteCollectionDocuments/DSO-Jahresbericht_2025.pdf Seite 91.
- ↑ https://diatra.de/articles/2026/08/11/statistiken-organspende-warteliste-transplantation
- ↑ https://www.youtube.com/watch?v=WgbZMpiDmkM
- ↑ https://www.saarbruecker-zeitung.de/saarland/contra-widerspruchsloesung-organspende-braucht-ein-klares-ja_aid-150808901
- ↑ https://www.beck-aktuell.de/heute-im-recht/rechtsprechung/olg-koeln-15ukl225-meta-nutzerdaten-ki-training-2025-05-23
- ↑ https://www.die-tagespost.de/politik/keine-annaeherung-in-sachen-organspende-art-276091
- ↑ https://www.die-tagespost.de/politik/keine-annaeherung-in-sachen-organspende-art-276091
- ↑ https://datenbank.nwb.de/Dokument/198889
- ↑ https://background.tagesspiegel.de/gesundheit-und-e-health/monitoring/widerspruchsloesung-erneut-im-gespraech
- ↑ https://dso.de/SiteCollectionDocuments/DSO-Jahresbericht_2025.pdf Seite 76.
- ↑ https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/33313/organspende-toedliches-dilemma-oder-ethische-pflicht-essay
- ↑ https://www.deutschlandfunk.de/zwang-im-gesundheitssystem-organspende-muss-eine-100.html
- ↑ https://www.domradio.de/artikel/bischoefe-kritisieren-idee-der-abgeordneten-zur-organspende
- https://www.faz.net/aktuell/wissen/forschung-politik/widerspruchsloesung-bei-der-organspende-das-sagen-experten-accg-200808372.html
- https://www.dbk.de/presse/aktuelles/meldung/stellungnahme-zur-vorstellung-des-gesetzentwurfs-zur-widerspruchsregelung
- https://www.die-tagespost.de/politik/organspende-neuer-anlauf-fuer-widerspruchsregelung-art-274973
- ↑ https://www.youtube.com/watch?v=WgbZMpiDmkM
- ↑ https://www.stern.de/politik/deutschland/organspende--evangelische-frauen-widersprechen-ricarda-lang-37499286.html