Irrige Todesfeststellung: Unterschied zwischen den Versionen

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(Irrige Todesfeststellungen vor dem 20. Jh.)
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# '''Beispiel (publiziert in DWM 1919)'''<br>  Die 23-jährige Krankenpflegerin Minna Braun erwarb am 27.10. in einer Apotheke Morphium und Veronal, begab sich bei nasskalter Witterung in den Grunewald und nahm in suizidaler Absicht beide Medikamente ein. Am 28.10. wurde sie mit "geringen Lebenszeichen" aufgefunden, stirbt scheinbar auf dem Transport (ins Krankenhaus) und wird in eine Leichenhalle gebracht. Dort stellte der Gemeindephysikus Starre, Leichenblässe, völlige Reflexlosigkeit, Fehlen des Pulses, der Atmung und der Herztöne fest. Aufgeträufelter Siegellack ergab keine Hautreaktion. Der Gemeindephysikus gab als Todesursache "wahrscheinlich an Morphiumvergiftung" an.<ref group="Anm.">Es bleibt völlig unklar, wie er zu dieser Todesursache kommt. Bei akuter Opiatintoxikation kommt es zur typischen klinischen Trias von Koma, Atemdepression und [https://de.wikipedia.org/wiki/Miosis Miosis]: Solange die Pupillen eng sind, ist der Mensch noch nicht verstorben. Erst nach Eintritt einer zerebralen Hypoxie aufgrund der Atemdepression und des sich ausbildenden Lungenödems kommt es zu einer Pupillenerweiterung. Liegt jedoch diese vor, kann aufgrund der Befunde keine Morphiumvergiftung mehr diagnostiziert werden.</ref> Minna Braun wurde eingesargt. 14 Stunden später stellte ein Kriminalbeamter im Rahmen der Identifizierung des Leichnams nach Öffnung des Sarges fest, dass die "Verstorbene" bläulich gefärbte Wangen aufweist. Auch nahm er leichte Kehlkopfbewegungen wahr. Der erneut hinzugezogener Gemeindephysikus stellt wiederum Fehlen der Atmung und des Pulses fest, hörte jedoch einige dumpfe Herztöne. Minna Braun wurde ins Krankenhaus eingewiesen. Im Krankenhaus war die Patientin leichenblass, starr, bewusstlos, völlig regungslos, Pupillen eng, Atmung und Puls fehlten völlig. Im Verlauf der Behandlung ließ die Steifigkeit der Glieder und des Nackens nach.<ref group="Anm.">Bei Minna Braun lagen zwei typische Ursachen für eine Vita minima und für eine Vita reducta vor: eine Intoxikation mit zentralwirksamen Medikamenten (Morphium und Veronnal) mit Atemdepression und eine vitale allgemeine Unterkühlung. Diese tritt typischerweise bei Körpertemperatureen von 33-30°C auf. Ihre differentialdiagnostische Abgrenzung gegenüber der Totenstarre wäre eindeutig möglich gewesen, hätte der Arzt sein Augenmerk auf die fehlenden Totenflecken gerichtet.</ref><ref>Burkard Madea: Praxis Rechtsmedizin. Befunderhebung, Rekonstruktion, Begutachtung. 2. Auflage. Heidelberg 2007, 20f.</ref>
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# '''Beispiel (publiziert in DWM 1919)'''<br>  Die 23-jährige Krankenpflegerin Minna Braun erwarb am 27.10. in einer Apotheke Morphium und Veronal, begab sich bei nasskalter Witterung in den Grunewald und nahm in suizidaler Absicht beide Medikamente ein. Am 28.10. wurde sie mit "geringen Lebenszeichen" aufgefunden, stirbt scheinbar auf dem Transport (ins Krankenhaus) und wird in eine Leichenhalle gebracht. Dort stellte der Gemeindephysikus Starre, Leichenblässe, völlige Reflexlosigkeit, Fehlen des Pulses, der Atmung und der Herztöne fest. Aufgeträufelter Siegellack ergab keine Hautreaktion. Der Gemeindephysikus gab als Todesursache "wahrscheinlich an Morphiumvergiftung" an.<ref group="Anm.">Es bleibt völlig unklar, wie er zu dieser Todesursache kommt. Bei akuter Opiatintoxikation kommt es zur typischen klinischen Trias von Koma, Atemdepression und [https://de.wikipedia.org/wiki/Miosis Miosis]: Solange die Pupillen eng sind, ist der Mensch noch nicht verstorben. Erst nach Eintritt einer zerebralen Hypoxie aufgrund der Atemdepression und des sich ausbildenden Lungenödems kommt es zu einer Pupillenerweiterung. Liegt jedoch diese vor, kann aufgrund der Befunde keine Morphiumvergiftung mehr diagnostiziert werden.</ref> Minna Braun wurde eingesargt. 14 Stunden später stellte ein Kriminalbeamter im Rahmen der Identifizierung des Leichnams nach Öffnung des Sarges fest, dass die "Verstorbene" bläulich gefärbte Wangen aufweist. Auch nahm er leichte Kehlkopfbewegungen wahr. Der erneut hinzugezogener Gemeindephysikus stellt wiederum Fehlen der Atmung und des Pulses fest, hörte jedoch einige dumpfe Herztöne. Minna Braun wurde ins Krankenhaus eingewiesen. Im Krankenhaus war die Patientin leichenblass, starr, bewusstlos, völlig regungslos, Pupillen eng, Atmung und Puls fehlten völlig. Im Verlauf der Behandlung ließ die Steifigkeit der Glieder und des Nackens nach.<ref group="Anm.">Bei Minna Braun lagen zwei typische Ursachen für eine Vita minima und für eine Vita reducta vor: eine Intoxikation mit zentralwirksamen Medikamenten (Morphium und Veronnal) mit Atemdepression und eine vitale allgemeine Unterkühlung. Diese tritt typischerweise bei Körpertemperatureen von 33-30°C auf. Ihre differentialdiagnostische Abgrenzung gegenüber der Totenstarre wäre eindeutig möglich gewesen, hätte der Arzt sein Augenmerk auf die fehlenden Totenflecken gerichtet.</ref><ref>Burkard Madea: Praxis Rechtsmedizin. Befunderhebung, Rekonstruktion, Begutachtung. 2. Auflage. Heidelberg 2007, 20f.</ref><ref group="Anm.">Im Fall von Minna Braun lagen zwei typische Ursachen für eine Vita minima und für eine Vita reducta vor: eine Intoxikation mit zentralwirksamen Medikamenten (Morphium und Veronal) mit Atemdepression und eine vitale allgemeine Unterkühlung. Bei der Starre handelte es sich um eine typische Kältestarre, die im Rahmen einer Unterkühlung bei Körperkerntemperaturen von 33–30 °C auftritt. Ihre differentialdiagnostische Abgrenzung gegenüber der Totenstarre wäre eindeutig möglich gewesen, hätte der Arzt sein Augenmerk auch den Totenflecken zugewandt. Die Kombination von Medikamentenintoxikation mit allgemeiner Unterkühlung ist die häufigste Ursache für eine Vita minima und Vita reducta mit fälschlicher Attestierung des Todes, wie sie auch heute noch immer wieder vorkommt. Die »Vitalität« wird dann meistens von Kriminalbeamten oder Bestattern erkannt. = In: https://epdf.pub/atlas-of-forensic-medicine-cd-rom.html Zugriff am 13.01.2020.</ref>
 
# '''Beispiel: 63-jähriege Frau im Januar''' <br>  Eine 63 Jahre alt gewordene Frau wurde im Januar leblos am Flussufer außerhalb des Wassers in Rückenlage gefunden, die Bekleidung war regelrecht, die unbeschuhten Füße am Wasserrand. Der sofort alarmierte Notarzt diagnostizierte einen [[Herz-Kreislauf-Stillstand]] und eine [[Apnoe]]. Epikritisch stellte er fest: Apnoe, Karotis-Puls nicht tastbar, beginnende Leichenstarre am Unterkiefer, eingeschränkte Beweglichkeit der oberen Extremitäten, weite lichtstarre, entrundete Pupillen, Abbruch der Leichenschau wegen V.a. nicht-natürliche Todesursache, Übergabe an Polizei. Bei der kriminalpolizeilichen Leichenschau in den Räumen eines Bestatters konnte Totenstarre weder im Kiefergelenk noch in den Fingergelenken festgestellt werden, dagegen leichte, unregelmäßige Atembewegungen. Sofortige intensivmedizinische Maßnahmen waren erfolglos. Möglicherweise vorhandene Kältestarre war fälschlich als Totenstarre interpretiert worden, die differenzialdiagnostisch wichtige Prüfung auf das Vorhandensein von Totenflecken war vom Notarzt verpasst worden.<ref>Burkard Madea: Praxis Rechtsmedizin. Befunderhebung, Rekonstruktion, Begutachtung. 2. Auflage. Heidelberg 2007, 127.</ref>
 
# '''Beispiel: 63-jähriege Frau im Januar''' <br>  Eine 63 Jahre alt gewordene Frau wurde im Januar leblos am Flussufer außerhalb des Wassers in Rückenlage gefunden, die Bekleidung war regelrecht, die unbeschuhten Füße am Wasserrand. Der sofort alarmierte Notarzt diagnostizierte einen [[Herz-Kreislauf-Stillstand]] und eine [[Apnoe]]. Epikritisch stellte er fest: Apnoe, Karotis-Puls nicht tastbar, beginnende Leichenstarre am Unterkiefer, eingeschränkte Beweglichkeit der oberen Extremitäten, weite lichtstarre, entrundete Pupillen, Abbruch der Leichenschau wegen V.a. nicht-natürliche Todesursache, Übergabe an Polizei. Bei der kriminalpolizeilichen Leichenschau in den Räumen eines Bestatters konnte Totenstarre weder im Kiefergelenk noch in den Fingergelenken festgestellt werden, dagegen leichte, unregelmäßige Atembewegungen. Sofortige intensivmedizinische Maßnahmen waren erfolglos. Möglicherweise vorhandene Kältestarre war fälschlich als Totenstarre interpretiert worden, die differenzialdiagnostisch wichtige Prüfung auf das Vorhandensein von Totenflecken war vom Notarzt verpasst worden.<ref>Burkard Madea: Praxis Rechtsmedizin. Befunderhebung, Rekonstruktion, Begutachtung. 2. Auflage. Heidelberg 2007, 127.</ref>
 
# '''Beispiel: 40-jährige Frau in kalter Jahreszeit'''<br>  Eine 40-jährige Frau wurde in der kalten Jahreszeit frühmorgens in einem Park aufgefunden. Der herbeigerufene Notarzt bescheinigte den eingetretenen Tod aufgrund Atmungs-, Puls- und Reflexlosigkeit sowie starker Abkühlung. In der Leichenhalle fiel dann auf, dass die über den Kopf geschlagene Plastikfolie im Gesichtsbereich beschlagen ist. Die daraufhin eingeleitete Reanimation verlief zunächst erfolgreich. - Die Frau hatte in suizidaler Absicht große Mengen [[Alkohol]] und [[Barbiturate]] eingenommen und sich zum Sterben in den Park gelegt.<ref>Randolph Penning: Rechtsmedizin systematisch. 2. Auflage. Bremen 2006, 22.</ref>
 
# '''Beispiel: 40-jährige Frau in kalter Jahreszeit'''<br>  Eine 40-jährige Frau wurde in der kalten Jahreszeit frühmorgens in einem Park aufgefunden. Der herbeigerufene Notarzt bescheinigte den eingetretenen Tod aufgrund Atmungs-, Puls- und Reflexlosigkeit sowie starker Abkühlung. In der Leichenhalle fiel dann auf, dass die über den Kopf geschlagene Plastikfolie im Gesichtsbereich beschlagen ist. Die daraufhin eingeleitete Reanimation verlief zunächst erfolgreich. - Die Frau hatte in suizidaler Absicht große Mengen [[Alkohol]] und [[Barbiturate]] eingenommen und sich zum Sterben in den Park gelegt.<ref>Randolph Penning: Rechtsmedizin systematisch. 2. Auflage. Bremen 2006, 22.</ref>

Version vom 13. Januar 2020, 21:15 Uhr

Im Laufe der Geschichte kam es immer wieder zu fälschlichen Todesfeststellungen. Die Fehlinterpretation unsicherer Todeszeichen als sichere Todeszeichen dürfte dabei wohl die Hauptursache sein.

Eine Kombination von Medikamentenintoxikation mit allgemeiner Unterkühlung ist die häufigste Ursache für eine Vita minima und Vita reducta mit fälschlicher Attestierung des Todes. Dass bei den bekannt gewordenen Fällen einer fälschlichen Attestierung des Todes bei noch Lebenden mehrheitlich Frauen betroffen sind, ist sicherlich kein zufälliger Fehler; möglicherweise wird geschlechtsspezifisch die Leichenschau bei Frauen noch weniger sorgfältig durchgeführt als bei Männern.[1]

Folgen

Wird nach einer fälschlichen Todesfeststellung später an dem "Toten" noch Lebenszeichen festgestellt (z.B. durch Bestatter oder Kriminalbeamte), "muss der betroffene Arzt auch mit strafrechtlichen Ermittlungen wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung rechnen."[1]

Beispiele

Beispiele aus Fachliteratur

  1. Beispiel (publiziert in DWM 1919)
    Die 23-jährige Krankenpflegerin Minna Braun erwarb am 27.10. in einer Apotheke Morphium und Veronal, begab sich bei nasskalter Witterung in den Grunewald und nahm in suizidaler Absicht beide Medikamente ein. Am 28.10. wurde sie mit "geringen Lebenszeichen" aufgefunden, stirbt scheinbar auf dem Transport (ins Krankenhaus) und wird in eine Leichenhalle gebracht. Dort stellte der Gemeindephysikus Starre, Leichenblässe, völlige Reflexlosigkeit, Fehlen des Pulses, der Atmung und der Herztöne fest. Aufgeträufelter Siegellack ergab keine Hautreaktion. Der Gemeindephysikus gab als Todesursache "wahrscheinlich an Morphiumvergiftung" an.[Anm. 1] Minna Braun wurde eingesargt. 14 Stunden später stellte ein Kriminalbeamter im Rahmen der Identifizierung des Leichnams nach Öffnung des Sarges fest, dass die "Verstorbene" bläulich gefärbte Wangen aufweist. Auch nahm er leichte Kehlkopfbewegungen wahr. Der erneut hinzugezogener Gemeindephysikus stellt wiederum Fehlen der Atmung und des Pulses fest, hörte jedoch einige dumpfe Herztöne. Minna Braun wurde ins Krankenhaus eingewiesen. Im Krankenhaus war die Patientin leichenblass, starr, bewusstlos, völlig regungslos, Pupillen eng, Atmung und Puls fehlten völlig. Im Verlauf der Behandlung ließ die Steifigkeit der Glieder und des Nackens nach.[Anm. 2][2][Anm. 3]
  2. Beispiel: 63-jähriege Frau im Januar
    Eine 63 Jahre alt gewordene Frau wurde im Januar leblos am Flussufer außerhalb des Wassers in Rückenlage gefunden, die Bekleidung war regelrecht, die unbeschuhten Füße am Wasserrand. Der sofort alarmierte Notarzt diagnostizierte einen Herz-Kreislauf-Stillstand und eine Apnoe. Epikritisch stellte er fest: Apnoe, Karotis-Puls nicht tastbar, beginnende Leichenstarre am Unterkiefer, eingeschränkte Beweglichkeit der oberen Extremitäten, weite lichtstarre, entrundete Pupillen, Abbruch der Leichenschau wegen V.a. nicht-natürliche Todesursache, Übergabe an Polizei. Bei der kriminalpolizeilichen Leichenschau in den Räumen eines Bestatters konnte Totenstarre weder im Kiefergelenk noch in den Fingergelenken festgestellt werden, dagegen leichte, unregelmäßige Atembewegungen. Sofortige intensivmedizinische Maßnahmen waren erfolglos. Möglicherweise vorhandene Kältestarre war fälschlich als Totenstarre interpretiert worden, die differenzialdiagnostisch wichtige Prüfung auf das Vorhandensein von Totenflecken war vom Notarzt verpasst worden.[3]
  3. Beispiel: 40-jährige Frau in kalter Jahreszeit
    Eine 40-jährige Frau wurde in der kalten Jahreszeit frühmorgens in einem Park aufgefunden. Der herbeigerufene Notarzt bescheinigte den eingetretenen Tod aufgrund Atmungs-, Puls- und Reflexlosigkeit sowie starker Abkühlung. In der Leichenhalle fiel dann auf, dass die über den Kopf geschlagene Plastikfolie im Gesichtsbereich beschlagen ist. Die daraufhin eingeleitete Reanimation verlief zunächst erfolgreich. - Die Frau hatte in suizidaler Absicht große Mengen Alkohol und Barbiturate eingenommen und sich zum Sterben in den Park gelegt.[4]

Beispiele aus den Medien

Irrige Todesfeststellungen vor dem 20. Jh.

Der französische König Ludwig IX. soll sich 1244 während der Totenmesse im Sarg bewegt haben, worauf das Begräbnis ausgesetzt wurde.[5][Anm. 4]

  • Neapel
    Nach dem British Medical Jurnal von 1877 wurde im Gerichtshof von Neapel eine Strafsache verhandelt, wonach eine Frau begraben wurde, von der man annahm, sie sei tot, während sie in Wahrheit nur in 'Trance' lag. Als ihr Grab zur Aufnahme einer weiteren Leiche geöffnet wurde, stellte man fest, dass die Kleider der Frau in Stücke zerrissen waren und sie sich bei ihrem Befreiungsversuch die Glieder gebrochen hatte. Der für die Todesfeststellung verantwortliche Arzt und der für das Begräbnis zuständige Bürgermeister wurden wegen fahrlässigen Tötung zu einer dreimonatigen Kerkerstrafe verurteilt.[6]

Irrige Todesfeststellungen im 20. Jh.

  • 1964 - John Higgins
    1964 wurde in England der Fall John Higgins gemeldet. Er soll 10 Mal für tot gehalten worden ein. 3 Mal wachte Higgins erst wieder in der Leichenhalle auf. Higgins litt an einer Kriegsverletzung. Es ist offen, ob diese bei der falschen Todesfeststellungen von Bedeutung war.[7]
  • 1966 - Henrietta Landau
    1966 wurde an der 71-jährigen New Yorker Krankenschwester Henrietta Landau der Totenschein ausgefüllt. Im Beerdigungsinstitut kam sie wieder zu sich.[7]
  • 1967 - Jacky Bayne
    Am 26.7.1967 trat der 22-jährige US-Soldat Jacky Bayne im Vietnamkrieg auf eine Mine. Im Lazarett versuchten die Ärzte, ihn am Leben zu halten. Nach 45 Minuten gaben sie auf. Das EKG zeigte keinen Ausschlag. Jacky Bayne kam in die Leichenhalle. Später wollte ihn ein Wärter einbalsamieren und stellte schwache Pulsschläge am Oberschenkel fest. Sofort wurden alle Reanimationsmaßnahmen wieder aufgenommen. Nach 3 Wochen Bewusstlosigkeit kam Jacky Bayne wieder ins Leben zurück. Er trug nur leichte Sprachstörungen davon. Sein zerfetztes rechtes Bein musste hingegen amputiert werden.[7]

Irrige Todesfeststellungen im 21. Jh.

  • 2007 - Venezuela: Carlos Camejo
    Der für tot erachtete 33-jährige Carlos Camejo ist auf dem Seziertisch wieder aufgewacht, als ein Gerichtsmediziner mit der "Leichenöffnung" begann. Camejos Frau, die im Leichenschauhaus zur Identifizierung der Leiche eintraf, sah dem Bericht zufolge, wie ihr Mann auf den Korridor geschoben wurde – und lebte.[8]
  • 2010 - Kolumbien: 45-Jährige
    webnews: "Schock für eine Familie in Kolumbien: Ihre vermeintlich verstorbene Angehörige scheint von den Toten erwacht zu sein. Die Frau sollte bestattet werden, nachdem der Arzt keinen Puls mehr festgestellt hatte. Doch während der Beerdigungsvorbereitungen regte sich die 45-Jährige plötzlich wieder."[9]
  • 2013 - Totonto: Baby
    PNP: "Das Wunder geschah in der Leichenhalle des Humber River Hospitals in Toronto im Osten Kanadas. Dort war gerade ein angeblich toter Säugling eingeliefert worden. Zwei Polizisten sollten den leblosen Leib bewachen, bis der Gerichtsmediziner eintrifft.
    Doch dann geschah das Unfassbare: Nach eineinhalb Stunden bewegte sich unter dem Leichentuch etwas. Die Beamten hoben es auf und tasteten den Puls des Babys ab. Zur ihrer Verblüffung spürten sie einen schwachen Herzschlag. Auch die eilig herbeigerufenen Notärzte stellten zweifelsfrei fest: Das von ihnen wenige Stunden zuvor noch für tot erklärte Kind war am Leben."[10]
  • 2014 - Dortmund: Amtsgericht
    Der Westen: "Das Amtsgericht Dortmund teilte Renate Busch mit, dass ihr Onkel gestorben sei. Doch das war ein Irrtum: Denn ihr Onkel Hans-Josef Mrugalski lebt - wie sich die Nordstadt-Bürgerin wenig später beim Besuch im Pflegeheim ihres Onkels überzeugen konnte. Das Schreiben war ein bedauerlicher Fehler, räumt Amtsgerichts-Sprecher Dr. Gerhard Breuer ein."[11]
  • 2015 - Gelsenkirchen: 92-Jährige
    März 2015 stellte in einem Gelsenkirchener Pflegeheim die Pflegefachkraft an einer 92-jährigen Bewohnerin weder Atmung noch Puls fest. Hierauf rief sie einen Arzt, der schließlich den Totenschein ausfüllte. Die 92-Jährige wurde vom Bestatter abgeholt und schlug bei ihm plötzlich die Augen auf. Es war vom Arzt die Leichenschau nicht ordentlich durchgeführt worden. 2 Tage später starb die Oma im Krankenhaus.[12]
    • Bild: "Zwei Tage nach ihrem Scheintod im Seniorenheim ist die Oma (92) aus Gelsenkirchen im Krankenhaus gestorben!"[13]
    • N24: "Scheintote wacht im Kühlraum auf"[14]
    • Scheintote Seniorin im Krankenhaus gestorben[15]
    • ad-hoc-news: "Neue Details zur scheintoten Oma aus Gelsenkirchen"[16]

Waren diese Tote nun tot, weil ein Arzt den Tod assistiert hatte? Waren diese Tote wieder ins Leben zurückgekehrt, weil ...? - Oder hat hier ein Arzt die Todesfeststellung schlampig durchgeführt, sodass er jemand für tot gehalten hat, der/die noch gar nicht tot war?

Beispiele bei Hirntod

  1. 2007 - John Forster (USA)
    An John Forster wurde von 2 Ärzten eine schlampige HTD durchgeführt und danach für hirntot gehalten. Ein hinzugerufener Neurochirurg stellte keinen Hirntod fest. Damit wurde John Forster intensivmedizinisch weiterbehandelt, verstarb jedoch nach 8 Tagen.[17]
  2. 2008 - Zach Dunlap (USA)
    Die widersprüchlichen Medienberichte geben mal eine PET-Untersuchung an, mal eine Angiographie. Worauf die Fehldiagnose hirntot beruht, ist unklar. Jedenfalls wurde die Fehldiagnose aufgedeckt und Zach Dunlap lebt noch.
  3. 2009 - Colleen S. Burns (USA)
    Colleen S. Burns wollte sich mit einer Überdosis Tabletten (Drogen?) das Leben nehmen. Sie wurde bewusstlos in eine New York Klinik eingeliefert. Dort wurde an ihr irrigerweise Hirntod diagnostiziert. Ihr sollten die Organe entnommen werden, doch im OP-Saal wachte sie auf. Die Klinik wurde gerichtlich mit einem Bußgeld belegt.[18] In D/A/CH wären hierbei die Voraussetzungen für die Durchführung einer HTD wegen vorliegender Intoxikation (Vergiftung) nicht gegeben gewesen.
  4. 2012 - Marina Hartmann (Spanien)
    Die 5-jährige Marina Hartmann erlitt im Jahr 2010 bei einem Verkehrsunfall eine Querschnittslähmung und musste seither ständig künstlich beatmet werden. Im Jahr 2012 versagte das Heimbeatmungsgerät und meldete keinen Alarm. Die Mutter reanimierte Marina und brachte sie in eine Klinik. Nach bereits 3,5 Stunden sei gesagt worden, dass Marina hirntot sei. Man fragte die Mutter um Organspende. Diese widersprach und brachte Marina in eine neurologische Fachklinik. Dort wurde kein Hirntod festgestellt.[19] In D/A/CH kann nie binnen weniger Stunden nach der Reanimation Hirntod festgestellt werden. Vielleicht haben die Ärzte nach DCD auf Hirntod geschlossen. In Deutschland ist DCD verboten.
  5. 2012 - Stephen Thorpe (Großbritannien)
    Der Brite Stephen Thorpe erlitt ein schweres Schädel-Hirn-Trauma. In der Klinik wurde fälschlicher Weise der Hirntod diagnostiziert. Eine hinzugezogene Ärztin widerlegte die Diagnose Hirntod. 4 Jahre später studierte Stephen Thorpe.[20]
  6. 2013 - Suzanne Chin (Honkong)
    Suzanne Chin erlitt einen Herzinfarkt und kam komatös in eine Klinik. Dort wurde sie etwa 2 Stunden reanimiert, bis ihr Herz wieder stabil schlug. Am nächsten Tag hätte sie Hirnstammtod (Brain stem death = BSD) gehabt. Der Arzt bestätigte, dass sich niemand vom BSD erholen würde. Der Ehemann und der Bruder von Suzanne Chin wollten es nicht wahrhaben und bestanden auf Fortsetzung der intensivmedizinischen Behandlung. Am 3. Tag erwachte Suzanne Chin aus ihrem Koma. Sie arbeitet wieder als Rechtsanwältin.[21]

Daneben gibt es noch zwei Fälle von fehlerhaften HTD in Polen. Sie sind hier nicht gelistet, weil die Datenlage sehr dünn ist.

Vergleicht man für Deutschland die Anzahl der Fehldiagnosen bei normaler Todesfeststellung mit der bei HTD (hier keine!), ist es verwunderlich, dass sich niemand dafür einsetzt, dass die Todesfeststellung sicherer wird. Von der HTD verlangt man größtmögliche Sicherheit.
Für Deutschland ist hierauf hinzuweisen:
  • Entgegen anderslautenden Meldungen, wurde in Deutschland kein Fall bekannt, bei dem irriger Weise Hirntod diagnostiziert wurde, wo kein Hirntod vorlag. Es gab zwar Fälle, von unkorrekt durchgeführter HTD und fehlerhaft ausgefüllten Protokollen, aber der Hirntod wurde bei Nachuntersuchungen immer bestätigt.
  • Seit dem Jahr 2015 muss in Deutschland bei jeder HTD einer der beiden untersuchenden Ärzten ein Neurologe oder ein Neurochirurg sein. Damit ist eine größtmögliche Sicherheit gegeben, dass es in Deutschland bei der HTD zu keiner Fehldiagnose kommen kann.
  • In Deutschland ist DCD verboten. Die DGN, DGNC und die DGNI fordern in ihren gemeinsamen Erklärungen der Jahre 2014 und 2015, dass dieses Verbot weiterhin bestehen bleibt, weil DCD keine sichere Todesfeststellung darstellt.[Anm. 5]

Anhang

Anmerkungen

  1. Es bleibt völlig unklar, wie er zu dieser Todesursache kommt. Bei akuter Opiatintoxikation kommt es zur typischen klinischen Trias von Koma, Atemdepression und Miosis: Solange die Pupillen eng sind, ist der Mensch noch nicht verstorben. Erst nach Eintritt einer zerebralen Hypoxie aufgrund der Atemdepression und des sich ausbildenden Lungenödems kommt es zu einer Pupillenerweiterung. Liegt jedoch diese vor, kann aufgrund der Befunde keine Morphiumvergiftung mehr diagnostiziert werden.
  2. Bei Minna Braun lagen zwei typische Ursachen für eine Vita minima und für eine Vita reducta vor: eine Intoxikation mit zentralwirksamen Medikamenten (Morphium und Veronnal) mit Atemdepression und eine vitale allgemeine Unterkühlung. Diese tritt typischerweise bei Körpertemperatureen von 33-30°C auf. Ihre differentialdiagnostische Abgrenzung gegenüber der Totenstarre wäre eindeutig möglich gewesen, hätte der Arzt sein Augenmerk auf die fehlenden Totenflecken gerichtet.
  3. Im Fall von Minna Braun lagen zwei typische Ursachen für eine Vita minima und für eine Vita reducta vor: eine Intoxikation mit zentralwirksamen Medikamenten (Morphium und Veronal) mit Atemdepression und eine vitale allgemeine Unterkühlung. Bei der Starre handelte es sich um eine typische Kältestarre, die im Rahmen einer Unterkühlung bei Körperkerntemperaturen von 33–30 °C auftritt. Ihre differentialdiagnostische Abgrenzung gegenüber der Totenstarre wäre eindeutig möglich gewesen, hätte der Arzt sein Augenmerk auch den Totenflecken zugewandt. Die Kombination von Medikamentenintoxikation mit allgemeiner Unterkühlung ist die häufigste Ursache für eine Vita minima und Vita reducta mit fälschlicher Attestierung des Todes, wie sie auch heute noch immer wieder vorkommt. Die »Vitalität« wird dann meistens von Kriminalbeamten oder Bestattern erkannt. = In: https://epdf.pub/atlas-of-forensic-medicine-cd-rom.html Zugriff am 13.01.2020.
  4. Wikipedia nennt für das 13. Jh. nur einen König Ludwig IX. Dieser lebte von 1226-1270.
  5. Es konnte nicht geklärt werden, wie viele fehlerhafte HTD auf die Unsicherheit von DCD zurückzuführen ist. DCD ist u.a. zulässig in: Australien, Belgien, Niederlanden, Frankreich, Finnland, Großbritannien, Italien, Kanada, Österreich, Schweiz, Spanien und USA.

Einzelnachweise

  1. a b Burkhard Madea, Frank Mußhoff, Brigitte Tag: Kurzlehrbuch Rechtsmedizin. Bern 2012, 141.
  2. Burkard Madea: Praxis Rechtsmedizin. Befunderhebung, Rekonstruktion, Begutachtung. 2. Auflage. Heidelberg 2007, 20f.
  3. Burkard Madea: Praxis Rechtsmedizin. Befunderhebung, Rekonstruktion, Begutachtung. 2. Auflage. Heidelberg 2007, 127.
  4. Randolph Penning: Rechtsmedizin systematisch. 2. Auflage. Bremen 2006, 22.
  5. Dick Swaab: Wir sind unser Gehirn. Wie wir denken, leiden und lieben. München 2010, 205.
  6. A. Gütgemann, C. Käufer: Der Scheintod. In. Dtsch. med. Wschr. 95,1 (1970), 703.
  7. a b c http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46196251.html Zugriff am 22.8.2015.
  8. https://www.focus.de/panorama/welt/venezuela_aid_132937.html Zugriff am 16.12.2017.
  9. http://www.webnews.de/613327/vermeintlich-tote-beginnt-zu-atmen Zugriff am 8.8.2015.
  10. http://www.pnp.de/nachrichten/heute_in_ihrer_tageszeitung/journal/663655_Scheintot-Baby-erwacht-unter-Leichentuch.html Zugriff am 8.8.2015.
  11. http://www.derwesten.de/staedte/dortmund/amtsgericht-dortmund-erklaerte-mann-faelschlich-fuer-tot-id10079301.html Zugriff am 8.8.2015.
  12. http://www.bild.de/regional/ruhrgebiet/scheintod/wieso-wurde-die-alte-dame-fuer-tot-erklaert-40294266.bild.html Zugriff 22.8.2015.
  13. http://www.bild.de/regional/ruhrgebiet/scheintod/wieso-wurde-die-alte-dame-fuer-tot-erklaert-40294266.bild.html Zugriff am 8.8.2015.
  14. http://www.n24.de/n24/Nachrichten/Panorama/d/6359204/scheintote-wacht-im-kuehlraum-auf.html Zugriff am 8.8.2015.
  15. http://www.nwzonline.de/panorama/scheintote-seniorin-im-krankenhaus-gestorben_a_25,0,1449622686.html Zugriff am 8.8.2015.
  16. http://www.ad-hoc-news.de/in-gelsenkirchen-rueckt-der-notarzt-beim-bestatter-an-stoehnen-aus-dem-leichen--/de/News/42669906 Zugriff am 8.8.2015.
  17. http://www.spiegel.de/panorama/organspende-patient-zu-frueh-fuer-tot-erklaert-a-476860.html Zugriff am 24.9.2014.
  18. http://www.berliner-kurier.de/panorama/schrecklicher-fehler--hirntote--wacht-bei-organ-entnahme-auf,7169224,23648766.html Zugriff am 17.2.2014.
  19. http://www.youtube.com/watch?v=1Ik7zTEbEoM Zugriff am 30.12.2014.
  20. http://www.berliner-zeitung.de/wissen/organspende-der-student--der-juengst-noch--hirntot--war,10808894,15202820.html Zugriff am 18.2.2014.
  21. http://chinadailymail.com/2013/04/08/hong-kong-lawyer-declared-brain-dead-awakes-after-calls-to-pull-plug Zugriff am 15.2.2014.