ENS

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Das ENS (Enterisches Nervensystem) ist ein Teil des Nervensystems. Es besteht aus einem komplexen Geflecht von Nervenzellen (Neuronen), das nahezu den gesamten Magen-Darm-Trakt durchzieht. Es besitzt beim Menschen mit etwa 100 Millionen Neuronen vier- bis fünfmal mehr als das Rückenmark. Dieses eigenständige Nervensystem befindet sich als dünne Schicht zwischen den Muskeln des Verdauungsapparates. Seine Aufgabe ist z. B. die Verdauung zu steuern. Es kann vollständig autonom arbeiten, unterliegt aber den Einflüssen von Sympathikus und Parasympathikus, um mit dem Gesamtorganismus zu harmonisieren. Innerhalb des ENS findet man als Neurotransmitter z. B. Serotonin und Dopamin.

Beschreibung

Das ENS hat einen starken Einfluss auf den Verdauungsprozess. Es reguliert unter anderem:

Die Hauptkomponenten des ENS sind zwei Nervengeflechte, die in die Darmwand eingebettet sind:

Das enterische Nervensystem ähnelt dem primitivsten bekannten Nervensystemen, wie z.B. dem neuronalen Netz einer Qualle, das ebenfalls für Bewegung und Materialaustausch mit der Umgebung zuständig ist. Damit steht das enterische Nervensystem in der Hierarchie der niedrigsten Stufe und kann durch hierarchisch höheren Anteile, wie vor allem dem vegetativen Nervensystem, moduliert werden. Es ist jedoch in der Lage, völlig eigenständig seine Aufgaben zuu erfüllen. So kann es angemessen auf lokale Stimuli reagieren, sowie die Tätigkeit des MDT[Anm. 1] regulieren und beherbergt komplette Reflexbögen (intestinale Reflexe, z.B. peristaltischer Reflex ...) Man spricht deshalb auch vom 'Minigehirn' des MDT. Das enterische Nervensystem ist eine Ansammlung von ca. 100 Millionen Neuronen".[1]

"Wohlbekannt ist die Tatsache, dass das Gehirn die Tätigkeit des MDT beeinflusst. Physiologischerweise kommt es z.B. in Fluchtsituationen zu verminderter Darmdurchblutung und beim Anblick oder Geruch von Speisen zur Sekretion von Magensaft. Allerdings sind auch pythophysiologische Wechselwirkungen bekannt, wie z.B. Durchfall in Angstsituationen oder Verstopfung bei chronischer psychischer Belastung. Diese Verbindung zwischen Gehirn und MDT (Gehirn-Darm-Achse) wird - zumindest zum Teil - durch den Parasympathikus und Sympathikus hergestellt. ... Wie schon beim vagovagalen Reflex erwähnt, kann der MDT auch das Zentralnervensystem beeinflussen. Ein Beispiel dafür ist die Cholecystokinin (CCK), das über seine Wirkung im Gehirn zur Entwicklung des Sattheitsgefühls nach Nahrungsaufnahme (...) beiträgt. Somit ist die Gehirn-Darm-Achse bidirektional."[2]

Irreführend sind die umgangssprachlichen Begriffe Bauchhirn, Bauchgehirn oder Darmhirn, denn dieses Nervensystem ist weder zu einer bewussten Wahrnehmung fähig noch zu kognitiven Leistungen. Es kann somit in keinster Weise Großhirn, Kleinhirn und/oder Hirnstamm ersetzen.

Aussagen

Das ENS erstreckt sich vom Rachen über die Speiseröhre abwärts den gesamten Verdauungstrakt. "In Wirklichkeit ist das enterische Nervensystem kein peripherer, sondern ein zentraler Bestandteil. Es ist riesig in seinem Umfang und unverzichtbar in seiner Funktion. Insgesamt besteht es aus schätzungsweise 100 bis 600 Millionen Neuronen, eine Zahl, die mit der für das gesamte Rückenmark vergleichbar oder sogar höher ist. Die Neuronen sind in ihrer Mehrzahl genau wie in dem höher angesiedeltem Gehirn intrinsisch, ..."[3]

Auf jedes extrinische Neuron kommen ca. 2.000 intrinsische Neuronen. Ihre Fortsätze sind über den Vagusnerv mit dem Gehirn verbunden. Das ENS hat seine eigene Kontrolle. Das ZNS gibt an das ENS keine Anweisungen, was es zu tun oder zu lassen hat, kann es jedoch in seiner Tätigkeit beeinflussen. "Das enterische Nervensystem wurde in jüngster Zeit auch als 'zweite Gehirn' bezeichnet. Diese ehrenvolle Einstufung verdankt es seinen großen Ausmaßen und seiner Selbständigkeit. Es besteht kein Zweifel daran, dass das enterische Nervensystem in unserem heutigen Evolutionsstadium, was Struktur und Funktion angeht, nur hinter dem Gehirn im Kopf zurückstehen muss. ... In vielen Organismen ist die Verdauungsfunktion ein Schlüssel zur Erschließung von Energiequellen. Fressen, Verdauen, die Gewinnung der notwendigen chemischen Verbindungen und ihre Ausscheidung sind komplexe, unentbehrliche Lebensfunktionen eines Organismus. Die einzige ebenso unentbehrliche, allerdings viel einfachere Funktion ist die Atmung."[4]

Mehrere Indizienketten deuten darauf hin, dass der Verdauungstrakt und das ENS für Gefühle und Stimmungen eine wichtige Rolle spielen.[5]

Verdauungsstörungen stehen häufig im Zusammenhang mit Stimmungsschwankungen. Das ENS produziert rund 95% des [[Serotonins], eines Neurotransmitter, der für seine Schlüsselrolle bei Affektstörungen und ihrer Behebung bekannt ist.[6]

Anhang

Anmerkungen

  1. Magen-Darm-Trakt

Einzelnachweise

  1. Hans-Christian Pape, Armin Kurtz, Stefan Silbernagl: Physiologie. 7. Auflage. Stuttgart 2014, 484.
  2. Hans-Christian Pape, Armin Kurtz, Stefan Silbernagl: Physiologie. 7. Auflage. Stuttgart 2014, 486.
  3. Antonio Damasio: Im Anfang war das Gefühl. Der biologische Ursprung menschlicher Kultur. München 2017, 155.
  4. Antonio Damasio: Im Anfang war das Gefühl. Der biologische Ursprung menschlicher Kultur. München 2017, 156.
  5. Antonio Damasio: Im Anfang war das Gefühl. Der biologische Ursprung menschlicher Kultur. München 2017, 157.
  6. Antonio Damasio: Im Anfang war das Gefühl. Der biologische Ursprung menschlicher Kultur. München 2017, 158.